Vereinbarkeit von Beruf und Familie 

Mutterschutz neu denken

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt Berufstätige immer wieder vor Herausforderungen. Vor allem Frauen müssen sich häufig für das eine oder das andere entscheiden. Denn: Bislang gilt der gesetzliche Mutterschutz nicht für Selbstständige. Gemeinsam mit dem Westdeutschen Handwerkskammertag (WHKT) setzt sich die Handwerkskammer Dortmund für eine Neuregelung des Mutterschutzes ein. Damit es zukünftig kein Entweder-Oder mehr gibt, sondern alle Handwerkerinnen denselben Schutz erhalten.

3 Fragen an Lisa Beilenhoff, selbstständige Augenoptik- und Hörakustikmeisterin

Lisa Beilenhoff ist Handwerksmeisterin, Geschäftsführerin eines Augenoptikergeschäfts und werdende Mutter. 

Was bedeutet Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Sie?

Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist keine Privatsache. Gerade Frauen übernehmen immer noch so viel Care Arbeit, dass sie ihren eigentlichen Beruf oft einschränken oder sogar ganz aufgeben müssen. Es muss darum viel bessere Angebote geben, beides unter einen Hut zu bringen, vor allem ohne finanzielle Einbußen.

Warum sollte jede Handwerkerin das Recht auf Mutterschutz haben?

Viele selbstständige Handwerkerinnen arbeiten bis kurz vor der Geburt und stehen auch danach wieder sehr schnell im Betrieb, weil es kein Auffangnetz gibt. Das geht aber nicht ohne Risiken einher: Gerade im Handwerk arbeiten wir oft körperlich, müssen heben oder nutzen Gefahrenstoffe. Das kann Folgen für die Gesundheit der Frau und des Kindes haben. Gäbe es auch für selbstständige Handwerkerinnen das Recht auf Mutterschutz, würde das viele werdende Mütter entlasten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass es normaler wird, dass auch Mütter arbeiten gehen und sich die Care Arbeit mit dem Partner teilen. Außerdem müssen meiner Meinung nach verlässliche Strukturen eingeführt werden, die Eltern – und insbesondere Mütter – entlasten. Sei es finanziell oder durch ausgebaute Betreuungsangebote.

Entlastung bedeutet Fairness

Wer über Vereinbarkeit spricht, spricht häufig über individuelle Lösungen. Eine Familie, die unterstützt oder „gutes Zeitmanagement“. Vereinbarkeit von Privatem und Beruf ist aber nicht nur eine Frage der Organisation, sondern von Strukturen.

Was Entlastung konkret bedeuten kann:

  • Aufmerksamkeit: Über das Thema Mutterschutz und Vereinbarkeit zu sprechen, stärkt die öffentliche Wahrnehmung und öffnet den Raum für Diskussionen. Außerdem können Netzwerke gestärkt werden, wodurch sich Frauen weniger allein fühlen und Synergien nutzen können.
  • Finanzierung: Es müssen neue Modelle bedacht werden, die den Mutterschutz für Selbstständige mitdenken. Derzeit stehen Umverteilungsmodelle zur Debatte, die faire Bedingungen und Chancengleichheit für alle schaffen könnten.
  • Bürokratieabbau: Die bürokratischen Hürden sind für viele selbstständige Handwerkerinnen und Handwerker eine Herausforderung. Sie sollten aber v. a. für (werdende) Mütter keine weitere Belastung darstellen.
Lisa Beilenhoff in ihrem Geschäft in Hamm. Die Handwerkerin wünscht sich verlässliche Strukturen, die Mütter entlasten.

„Machbar machen“

Der Westdeutsche Handwerkskammertag (WHKT)  hat zur Erreichung dieser Ziele gemeinsam mit dem Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn eine Machbarkeitsstudie unter selbstständigen Handwerkerinnen durchgeführt und die konkreten Herausforderungen selbständiger Handwerkerinnen in Schwangerschaft und Mutterschaft herausgefiltert. Daraus entwickeln sie praxisnahe Lösungen für bessere betriebliche und persönliche Absicherung.

Grundlage ist eine NRW-weite Befragung selbständiger Handwerkerinnen. Darauf aufbauend werden…

  • …zentrale Problemfelder identifiziert,
  • handwerksnahe, mutterschaftsfreundliche Lösungsansätze erarbeitet,
  • diese anschließend gemeinsam mit Akteuren aus Handwerk, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf Machbarkeit und Umsetzbarkeit geprüft – mit dem Ziel, ein ganzheitliches Bild und belastbare Zahlen zu gewinnen.

Die Ergebnisse der Studie sprechen für den deutlichen Handlungsbedarf:

NRW-Initiative „FAIRsorgt“

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur unterstützt bereits seit einigen Jahren das Vorhaben, den Mutterschutz für Selbstständige auszubauen. Nach einer ersten Bundesratsinitiative im Jahr 2024 folgte nun die konkrete Initiative „FAIRsorgt“ in Zusammenarbeit mit dem WHKT und dem IfM Bonn:

Die Kernpunkte des Modells: 

  • Baustein 1: Basis-Mutterschaftsausgleich; Pauschalbetrag von 5.000 Euro als Einmalzahlung zur Abdeckung laufender Kosten sowie von Verdienstausfällen.
  • Baustein 2: Einkommensbasierte Aufstockung auf 100 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens zur vollständigen Absicherung des bisherigen Einkommens (optional bei Vorlage entsprechender Nachweise).
  • Baustein 3: Finanzielle Unterstützung für die Anstellung von Ersatzarbeitskräften als betriebliche Absicherung. 

Die Finanzierung des Modells wäre beispielsweise möglich über eine Umlagefinanzierung aller Selbständigen, über den Bundeshaushalt aus Steuermitteln oder eine Mischform. 

Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus – aber beim Mutterschutz werden selbstständige Frauen bis heute behandelt, als wären sie eine Randgruppe. Das ist nicht nur ungerecht, es ist ökonomisch zu kurz gedacht. Schwangerschaft darf kein Berufsrisiko sein. Nordrhein-Westfalen hat geliefert: Bundesratsinitiative, wissenschaftlich fundierte Machbarkeitsstudie, eine breite Allianz aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Jetzt ist Berlin dran. Nordrhein-Westfalen lässt nicht locker. Gemeinsam setzen wir uns beim Bund für eine echte Gleichberechtigung für alle ein – konstruktiv in der Zusammenarbeit, klar in der Sache.

Mona Neubaur, Stv. Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin des Landes NRW

Aktuell werden nur rund 22 Prozent der Handwerksbetriebe in NRW von Frauen geführt. Es ist heute nicht mehr vertretbar, auf Frauen als Fach- und Führungskräfte zu verzichten. Allerdings ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für selbstständige Handwerkerinnen eine besondere Herausforderung, da hier überdurchschnittlich häufig Tätigkeiten mit körperlicher Belastung vorkommen. Im Fall einer Schwangerschaft bedeutet das für selbstständige Handwerkerinnen entweder, dass sie Verdienstausfälle zu beklagen haben oder dass sie Tätigkeiten ausführen müssen, die Angestellte nicht mehr ausführen dürfen. Wir möchten noch mehr Frauen bei ihrer Karriere im Handwerk unterstützen und setzen uns daher für verbesserte Rahmenbedingungen ein.

Berthold Schröder, Präsident HWK Dortmund

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