Ein Jahr Bundesregierung Merz: Handwerk und Handel ziehen Bilanz

„Wir brauchen jetzt verlässliche Umsetzung statt neuer Ankündigungen“

Roland Klein (l.), Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, und Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund © HWK Dortmund

Bereits im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 hatten HWK Dortmund und IHK zu Dortmund gemeinsam eine wirtschaftspolitische Kehrtwende gefordert: Energiewende, digitaler Wandel und die Sicherung der Ausbildung müssten entschlossen angegangen werden, damit Betriebe wieder Planungssicherheit gewinnen und Wachstum möglich wird.

Was angekündigt wurde – und was bei den Betrieben ankommt

Die Bundesregierung hat zum Start hohe Erwartungen geweckt: weniger Bürokratie, mehr Investitionen, schnellere Verfahren und ein „Neustart“ für die Wirtschaft. Aus Sicht von Handwerk und Handel zeigt sich nach einem Jahr:

Bürokratieabbau & schnellere Verfahren: Die Richtung stimmt in der Kommunikation, in der betrieblichen Praxis fehlen jedoch vielerorts konsequent wirksame Vereinfachungen, insbesondere bei Nachweis- und Berichtspflichten sowie bei Genehmigungs- und Planungsverfahren. Neue Regelungen, zum Beispiel das Tariftreuegesetz, bringen zusätzlich neue Bürokratie mit sich.

Energie & Kostenbelastung: Viele Betriebe sehen weiterhin hohe Energie- und Standortkosten als Investitionsbremse. So gilt beispielsweise die Stromsteuersenkung zwar für die Industrie, jedoch nicht für Handwerksbetriebe und Privathaushalte.

Steuern und Entlastungen: Eine Senkung der Körperschaftssteuer ist für viele Handwerksbetriebe unerheblich, da sie an Personenunternehmen vorbei geht und zwei Drittel der Handwerksbetriebe als solche organisiert sind. Die kurzfristigen Entlastungsprämien stellen für Betriebe eher einen neuen Kostenpunkt dar.

Fachkräfte & Ausbildung: Die Sicherung der Ausbildung und die Fachkräftesicherung bleiben Kernaufgaben. Die geplante „Migrationswende“ durch Rückführungen und erschwerte Asylverfahren kostet die Betriebe wertvolle Fachkräfte.

Arbeitszeit & Rente: Statt des Acht-Stunden-Tages soll eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festgelegt werden, was Betrieben Flexibilität bieten kann. Das Rentenalter steigt, wobei das Rentenniveau konstant gehalten werden soll.

Gesundheit: Erstmals wurde der Mutterschutz für Selbstständige in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Geplant sind mehrere Maßnahmen, die Finanzierung ist jedoch noch unklar. Die Reform des Krankenkassensystems lässt Beschäftigungskosten steigen.

Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund: „Wir brauchen Maßnahmen, die nicht nur kurzfristige Effekte erzielen, sondern langfristige Perspektiven für den Mittelstand schaffen. Dazu gehören schnellerer Entscheidungen, weniger Bürokratie, die Senkung von Steuern und Abgaben, die Reduzierung von Energiekosten und die Förderung der Fachkräfteausbildung. Viele Betriebe stehen wegen der hohen Lohnnebenkosten unter Druck, und den Beschäftigten bleibt vom Gehalt spürbar weniger übrig. Vor allem Jüngere, auch unsere Auszubildenden sowie junge Mitarbeitende, blicken mit wachsender Skepsis auf die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats. Zugleich brauchen ältere Handwerkerinnen und Handwerker nach Jahrzehnten im Beruf Planungssicherheit und Verlässlichkeit.“

Roland Klein, Präsident der IHK zu Dortmund: „Handel und Industrie brauchen nach einem Jahr vor allem eines: Verlässlichkeit. Ankündigungen helfen nur dann, wenn sie schnell in spürbare Entlastungen übersetzt werden – bei Bürokratie, Kosten und Verfahren. Unsere Unternehmen wollen investieren, ausbilden und wachsen. Dafür muss die wirtschaftspolitische Kehrtwende jetzt im Alltag ankommen. In Bezug auf die gerade beschlossenen Eckpunkte für den Haushalt 2027 bleiben Betriebsinhaberinnen und Unternehmer, die in den Standort Deutschland investieren sollen, weiterhin völlig im Ungewissen. Es ist allgemein bekannt, dass die Schulden von heute die Steuererhöhungen von morgen sein können.“

HWK und IHK: Zweites Regierungsjahr muss „spürbar“ werden

HWK Dortmund und IHK zu Dortmund fordern für das zweite Regierungsjahr klare, überprüfbare Fortschritte:

  • Bürokratieabbau mit messbaren Entlastungen, weniger Nachweispflichten, digitale Verfahren, schnellere Genehmigungen.
  • Wettbewerbsfähige Energie- und Standortkosten, damit Investitionen wieder anlaufen.
  • Fachkräfteoffensive, die Ausbildung stärkt und Zuwanderung sowie Integration in den Arbeitsmarkt
    praxistauglich beschleunigt.