20. September 2019 Handwerk aus der Region Ruhr fordert Gesamtstrategie für Integration Geflüchteter durch Bildung und Arbeit


Foto © Andreas Buck: (v.l.) Berthold Schröder, Kerstin Feix, Serap Güler, Carsten Harder, Andre Höler

Immer mehr Flüchtlinge werden im Handwerk ausgebildet. Von den bundesweit rund 44.000 Geflüchteten, die derzeit eine Ausbildung absolvieren, tut dies fast jeder Zweite im Handwerk. In der Region Ruhr wurden im vergangenen Jahr insgesamt 19.584 junge Menschen ausgebildet, darunter – mit steigender Tendenz – fast 3.000 Auszubildende mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Nicht zuletzt aus den Herkunftsländern der jüngsten Migrationsentwicklungen wie Syrien, Irak und Afghanistan hat ihre Zahl stark zugenommen.
 
Wie die Integration Geflüchteter durch Bildung und Arbeit künftig besser gelingen kann, stand im Mittelpunkt des 2. Ruhr Forums Handwerk, das am Donnerstag im HWK-Bildungszentrum Hansemann stattfand.
 
„Im Ruhrgebiet wird viel zu oft auf Großunternehmen und die Öffentliche Hand geschaut. Dabei wird vielfach unterschätzt, in welchem Maße gerade kleine und mittlere Betriebe für Wachstum, Beschäftigung und Ausbildung sorgen“, betont Berthold Schröder, Präsident der gastgebenden Handwerkskammer (HWK) Dortmund. „Das Handwerk übernimmt seit jeher gesellschaftliche Verantwortung. Dazu gehört auch, Geflüchteten eine Chance auf eine qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen. Denn neben adäquaten Sprachkenntnissen sind Bildung und Beschäftigung die wesentlichen Bausteine für eine gelungene Integration.“
 
Genau aus diesem Grunde habe man bei der Dortmunder Kammer bereits 2015 eine Flüchtlingsinitiative gestartet, zunächst aus Eigenmitteln finanziert, dann mit Unterstützung vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Aus anfänglichen Einzelqualifizierungen sei ein siebenmonatiges, modulares Vollzeit-Qualifizierungsprogramm entstanden, zu dem nach der  Kompetenzfeststellung Werkstattphasen, mehrwöchige Praktika sowie Unterrichtseinheiten zu berufsbezogenen Deutsch- und Mathematikkenntnissen und interkulturelles Coaching gehörten. Schröder:
 „Seitdem sind wir durchgehend auf diesem Feld aktiv und konnten in Zusammenarbeit mit den zuständigen Arbeitsagenturen schon 153 Teilnehmer in eine Ausbildung, Einstiegsqualifikation oder ein Praktikum vermitteln. Im November startet der fünfte Projektdurchlauf.“
 
Staatssekretärin Serap Güler vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen sagt: „Mit dem Handwerk haben wir einen verlässlichen Partner, um die Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen proaktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehört vor allem, Menschen mit Migrationsgeschichte in Ausbildung und Beschäftigung zu bringen. Gerade im Ruhrgebiet sind es die Potenziale der Vielfalt, die wir nutzen wollen, um die Metropolregion zukunftsfähig zu machen.“
 
Wie sehr die letzten drei Jahre den ausgeprägten Willen, die Kompetenz und die Erfolge des Handwerks in der Region Ruhr bei der Aufnahme und qualifizierenden Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund  eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, unterstreicht der Düsseldorfer Kammer-Präsident Andreas Ehlert. In den handwerklichen Bildungszentren hätten schon viele Hundert Flüchtlinge ihre berufliche Eingliederungschance erhalten und genutzt. Und sich damit ein gutes Stück Zukunft gesichert. Für sich, und für das Handwerk. „Das war – und ist – eine große Bildungsanstrengung. Sie steht beispielhaft für das, was die Region Ruhr immer ausgezeichnet hat: die eigenen Ressourcen auszuschöpfen, die sie hat. Nur jetzt eben ohne Kohle. Statt dessen durch Aufbau von Wissen und technologischem Können. Mit der Perspektive, AutorIn und UnternehmerIn des eigenen Lebens zu werden. Im Handwerk. Die Wohlfahrt dieser Region profitiert davon“, so Ehlert.  
 
Amtskollege Hans Hund, Präsident der Handwerkskammer Münster, bezeichnet die Ausbildung Geflüchteter in kleinen und mittleren Betrieben als „Turbo für die Integration“. Jugendliche, die im Handwerk ein berufliches Zuhause fänden, hätten Vorbildcharakter für ihre Landsleute. „Sie erleben, dass sie als künftige Fachkraft gebraucht werden, Geld verdienen und Anerkennung in einem oftmals neuen Umfeld bekommen.“ Viele Betriebe hätten von positiven Erfahrungen bei der Ausbildung berichtet, insbesondere was Leistungsbereitschaft, Engagement und Lernwillen der Geflüchteten angehe. Es sei den Unternehmen wichtig, dass die mit großem Einsatz Ausgebildeten langfristig bei ihnen bleiben und arbeiten dürften.
 
Gemeinschaftlich fordern die Spitzenvertreter des Handwerks in der Region Ruhr von der Landesregierung, für die Integration passgenaue Rahmenbedingungen zu schaffen. „Insbesondere für Zuwanderer müssen flächendeckend geeignete Wege zur beruflichen Integration aufgezeigt werden. Dafür ist eine enge Kooperation von Landespolitik, Schulträgern, Ausländerbehörden, Arbeitsagenturen, Jobcentern und lokaler Wirtschaft in allen inhaltlichen und organisatorischen Fragen erforderlich. Ausbildungsstandards dürfen dafür nicht abgesenkt werden. Auszubildende und Betriebe müssen Rechtssicherheit haben und verlässliche Unterstützungsangebote nutzen können.“
 
In den Prozess der Ruhrkonferenz habe man sich intensiv eingebracht und mit den Industrie- und Handelskammern aus der Region Ruhr 40 Projektideen entwickelt, die dazu beitragen sollen, das Ruhrgebiet in den kommenden zehn Jahren zu einer der führenden Wirtschaftsmetropolen Deutschlands zu machen. Integration durch Bildung und Arbeit für eine optimierte Fachkräftegewinnung spiele dabei natürlich eine wichtige Rolle.
 
Schröder: „Berufsorientierung und -vorbereitung, Praktika und Ausbildungen oder auch die Anerkennung von im Ausland erworbenen Kompetenzen – das Spektrum der Integrationsmaßnahmen ist breit. Für eine zielführende Fachkräftegewinnung brauchen wir aber eine tragfähige Gesamtstrategie.“

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier.

Eine Fotogalerie zur Veranstaltung folgt in Kürze.

















 
Foto © Andreas Buck: (v.l.) Dr. Frank Bruxmeier, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Duisburg,
Serap Güler, Staatssekretärin im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW,
Georg Greshake, Schulleiter des Berufskollegs West der Stadt Essen, Torsten Withake, Geschäftsführer
Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit, Kerstin Feix, Vize-Präsidentin
der HWK Dortmund, Jost Lübben, Chefredakteur der Westfalenpost/Westfälische Rundschau
 

Das Handwerk in der Region Ruhr hat sich hervorragend entwickelt
2. Ruhr Forum Handwerk in Dortmund / Strukturdaten
 
Das Handwerk in der Region Ruhr stellt mit etwa 287.500 Erwerbstätigen etwa jeden achten Arbeitsplatz. Sogar jeder sechste sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Region ist im Handwerk tätig. Das geht aus den Zahlen hervor, die das Handwerk Region Ruhr – ein Zusammenschluss von drei Handwerkskammern und elf  Kreishandwerkerschaften im Ruhrgebiet – zur Konjunktur-und Strukturentwicklung des Handwerks vorgelegt hat.
 
Das Handwerk hat sich zuletzt hervorragend entwickelt: Die Zahl der Betriebe ist mit leicht steigender Tendenz auf 44.202 Betriebe geklettert, und rund 30,5 Mrd. Euro Umsatz wurden hier vom Handwerk 2018 erwirtschaftet. Dabei konnte sich das Handwerk auf eine nach wie vor robuste und stabile Konjunktur stützen. Der aktuelle Geschäftsklimaindex liegt zwar um fünf Prozentpunkte unter den Werten für ganz Nordrhein-Westfalen, doch auch an Ruhr und Emscher bewegte er sich im Herbst 2018 und im Frühjahr 2019 mit 133 Punkten stabil auf einem Rekordniveau.
 
Dabei verlief die Entwicklung im östlichen Ruhrgebiet erfreulicher als im westlichen Ruhrgebiet. Die Betriebe berichten durchweg über eine gute Geschäftslage sowie eine erfreuliche Umsatz- und Auftragslage. Sie konnten zuletzt höhere Verkaufspreise durchsetzen und Beschäftigung aufbauen. Auch die Investitionstätigkeit war aktiv. Die Betriebe haben mit einer außerordentlich hohen Auslastung von zuletzt 79 Prozent zu kämpfen. Die Auftragsreichweiten bewegen sich mit durchschnittlich 7,7 Wochen auf einem Höchststand, allerdings ist die Situation im Ruhrgebiet weniger angespannt als im übrigen Nordrhein-Westfalen. Hier liegt die Auftragsreichweite derzeit sogar bei 8,7 Wochen. Von einer konjunkturellen Krise, wie sie zuletzt insbesondere die exportorientierte Industrie getroffen hat, ist im Handwerk in der Region Ruhr nichts zu spüren. Die Erwartungen der Betriebe an die künftige Entwicklung sind optimistisch.




 






























Exzellenz-Beispiel aus Dortmund für gelungene Integration durch qualifizierte Ausbildung von Geflüchteten
 
Ritter Starkstromtechnik GmbH & Co. KG / Dortmund
 
2016 ermöglichte Ritter Starkstromtechnik im Rahmen einer Flüchtlingsinitiative der Handwerkskammer (HWK) Dortmund zwei Geflüchteten eine Ausbildung im Elektrohandwerk. Wenig später bewarb sich neben einem weiteren Geflüchteten auch der 24-jährige Ahmad Ghulami aus Afghanistan auf eigene Initiative bei Ritter Starkstromtechnik. Er absolvierte zuvor bereits die berufsvorbereitenden Module der HWK-Initiative. Mittlerweile ist Ghulami als angehender Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik im zweiten Ausbildungsjahr und verbessert seine Fähigkeiten täglich.
 
Bei Ritter Starkstromtechnik steht die Förderung des Nachwuchses stark im Vordergrund. Die Integration von Geflüchteten durch eine qualifizierte  Ausbildung im Handwerk wird im Unternehmen als politische und gesellschaftliche Aufgabe betrachtet. Um eine hohe Dienstleistungsqualität gewährleisten zu können, wird bei Ritter viel Wert auf Mitarbeiterzufriedenheit und die Ausbildung junger Menschen gelegt. So bekommen Jugendliche jeglicher Herkunft die Chance auf einen guten Start in das Berufsleben.
 
Aus einem 1933 gegründeten Familienbetrieb in Dortmund hat sich die Ritter Starkstromtechnik GmbH & Co. KG zu einer Unternehmensgruppe mit mehr als 550 Mitarbeitern entwickelt. Mit derzeit sechs Standorten ist Ritter Starkstromtechnik eines der größten Elektrohandwerksunternehmen in ganz Deutschland. Zu den vier Kernbereichen gehören die Installation und Automation sowie Schaltanlagen und Schaltgeräte.

Merh zur Ritter Startstromtechnik gibt es hier.