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Ausbildung - Es geht noch was...

Story von Jörg A. Linden

Corona. Von einem Augenblick zum anderen scheint alles still zu stehen. Geschäfte zu. Kneipen zu. Fitnessstudios zu. Lieferketten gestoppt. Kurzarbeit. Erfolgreiche Unternehmen kämpfen von einem Tag zum anderen ums Überleben. Dabei rutscht ein Thema für lange Wochen vollkommen aus dem Blickfeld – sowohl der Unternehmen, als auch vieler junger Menschen: die Suche nach neuen Auszubildenden, nach einer Ausbildungsstelle. Der Ausbildungsmarkt liegt während des Shutdowns so still wie … siehe oben.

 

„Die Notwendigkeit zur Ausbildung, zur Fachkräftesicherung wird durch das Coronavirus aber nicht geringer. Im Gegenteil. Ausbildung bedeutet Zukunft. Ohne gute Mitarbeiter können die Unternehmen nach der Pandemie nicht nachhaltig durchstarten. Mit der Ausbildung junger Menschen zu Fachkräften betreiben die Unternehmen Zukunftssicherung“, ist Kerstin Groß, Kompetenzfeldmanagerin bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet, absolut sicher.

 

Viele Unternehmen wissen, dass sie damit völlig richtigliegt. In den Wochen nach dem Shutdown, in den Tagen des behutsamen Neuanfangs ist das Thema Ausbildung wieder auf die Tagesordnung gekommen. Mehrere hundert Ausbildungsplätze in der Region sind jetzt, einen knappen Monat vor Beginn des Ausbildungsjahres, noch frei – und warten auf Bewerber. Heißt für Schulabgänger oder Hochschulab-brecher: Der Zug Richtung Ausbildungsplatz ist trotz Corona auch in diesem Jahr noch lange nicht abgefahren. Frank Neukirchen-Füsers, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bochum, unterstreicht dies mit einem eindeutigen Plädoyer an die Unternehmen: „Die Fachkräfte-Herausforderung wird uns in Windeseile nach der Krise einholen, wenn wir ihr nicht bereits jetzt entgegenwirken und an unseren Nachwuchs denken.“ Also: jetzt ausbilden.

 

Auch die Jan Kath Design GmbH in Bochum wirbt seit Wochen um einen neuen Auszubildenden. Nicht irgendein Unternehmen. Zu den Kunden des Luxus-Teppich-Händlers und -Designers gehören Bruce Willis, das Fürsten-Ehepaar Charlene und Albert II. von Monaco – und der Papst. 

 

Sofia Barnitzke gehört seit zehn Jahren zum Team, kümmert sich um die Ausbildung. „Nicht nur die Produkte sind besonders, auch das Persönliche unter den Mitarbeitern und im Umgang mit den Kunden.“ Die 30 Mitarbeiter in Bochum spiegeln die Internationalität wider. Sie kommen aus Marokko, Russland, aus der Mongolei, China, Griechenland und aus Deutschland. „Das war keine Absicht, das hat sich ganz natürlich so ergeben“, sagt Geschäftsführerin Ruth Kath.

 

Das Team soll wachsen – und deshalb sucht man noch kurzfristig einen Auszubildenden als Kauffrau oder Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement. Noten sind dabei nicht so wichtig. Warum? „Wir schauen nicht so auf die Noten“, sagt Geschäftsführerin Kath, „das ist meine Haltung im Leben. Ein Azubi muss mit anpacken, soziale Kompetenz, Engagement und Eigeninitiative zeigen. Auch mal zurückhaltend sein, wenn es geboten ist. Eines soll sie oder er nicht wollen: nur den Tag rumkriegen.“

 

In einem kleinen Team muss jeder mit anpacken – das ist bei Jan Kath durchaus auch wörtlich gemeint. Und: Teppiche wiegen einiges. „Ein Azubi darf sich nicht zu schade sein, Dinge selbstständig anzupacken“, sagt Kath, „und er muss seine Aufgaben angemessen angehen. Initiative ergreifen, mitdenken, erkennen, wenn er sich einbringen kann.“ Das heißt: Azubis planen nicht nur Warenbewegungen, schreiben Angebote, nehmen Bestellungen entgegen, halten Kontakte zu Kunden, Spediteuren und Produzenten. Oftmals müssen sie eben auch ganz handfest mit anpacken.



Die Dehne GmbH in Witten ist schon einen Schritt weiter als Jan Kath: Sie hat für dieses Jahr schon zwei neue Auszubildende hinzugewonnen, die das Team von 36 Fachkräften und sechs Auszubildenden verstärken sollen. Geschäftsführer Jörg Dehne hat – wie viele Handwerker – etwas andere Corona-Erfahrungen gemacht als beispielsweise Einzelhändler oder Dienstleister. Die Auftragslage, so der Gas- und Wasserinstallateur- sowie Zentralheizungs- und Lüftungsbauermeister, sei relativ stabil geblieben, Kurzarbeit habe man nicht anmelden müssen.

Traditionell bildet die Dehne GmbH in den Berufen Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie in der Elektrotechnik aus. Dass man auch zu Corona-Zeiten auf Ausbildung setzt, hat für ihn auch etwas mit dem Selbstverständnis als Handwerker zu tun: „Auch in dieser schwierigen Zeit bleibt das Handwerk weiter eine stabile und starke Konstante. Für junge Menschen, die eine zukunftsstarke berufliche Karriere anstreben, ist das Handwerk genau das Richtige“, ist er durch und durch überzeugt.

Für Dehne ist klar, dass Unternehmen für sich, für ihre Berufe, für ihre Ausbildungsplätze werben müssen. Aber er hat gleichzeitig einen Appell an Schüler, Eltern und auch Studienzweifler parat: „Geht wieder stärker auf die Betriebe zu und tretet in den persönlichen Kontakt, ob durch einen spontanen Besuch, ein Telefonat, per Mail oder im Videochat!“

Das Gelände der Firma Eickhoff in Bochum-Wiemelhausen ist wie ein Tummelplatz für Azubis: Über 50 Auszubildende gibt es derzeit. Guido Bollau ist Ausbildungsleiter und kümmert sich um die gewerblich-technischen Azubis. Elektroniker für Betriebstechnik, Mechatroniker, Zerspaner in Dreh- und Frästechnik, technische Modellbauer sowie Gießereimechaniker bildet die Eickhoff-Gruppe aus. Dazu kommt noch der kaufmännische Bereich – also Industriekaufleute und Fachinformatiker.

Industrie pur erleben die Auszubildenden in der Gießerei. „In Bochum sind wir eines der wenigen Unternehmen mit eigener Gießerei“, so Bollau. In flüssigem Zustand wird hier Stahl in Form gebracht. „Ein bisschen wie Suppe kochen. Das Rezept muss stimmen“, sagt Bollau. Die Auszubildenden lernen, Formkasten mit Sand und Harz vorzubereiten, berechnen das benötigte Volumen für die einzelnen Gussteile und sind beim Abguss dabei. „Bei uns können die Auszubildenden den gesamten Prozess der Maschinenherstellung erleben. Vom Rohmaterial über den Guss, der Metallbearbeitung an der Fräse bis zum fertigen, mit Elektronik versehenen Produkt“, wirbt Bollau mit Herz für „seine“ Ausbildungsberufe.

Jörg Dehne
HWK Dortmund

Zwei Auszubildende zum Gießereimechaniker starten im Herbst am Eickhoffpark. „Den Beruf haben nur wenige auf dem Schirm. Wer aber Lust auf Industrie hat, ist bei uns genau richtig“, weiß Bollau. Bewerbungen für das nächste Ausbildungsjahr nimmt er bereits jetzt entgegen.

 

Die Regionale Ausbildungskonferenz Mittleres Ruhrgebiet, in der sich alle Akteure auf dem Ausbildungsmarkt treffen, um gemeinsam Strategien zu besprechen – unter anderem die Städte, die Regionalagentur, der Arbeitgeberverband, das Handwerk, die IHK, die Arbeitsagentur, die JobCenter – hat beide Seiten im Blick: die Unternehmen und die Auszubildenden. Die Aufgabe des Augenblicks lautet: Angebot und Nachfrage zusammenzubringen! Ob in den Ausbildungsplatzbörsen von Handwerk und IHK, ob bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur, ob auf den Homepages der Unternehmen: Junge Menschen finden auch noch kurzfristig Hunderte von freien Ausbildungsplätzen in ihrer Region. Kerstin Groß: „Einfach mal durchklicken und informieren. Oder anrufen. Es geht was …“

 

Mielke, Jana

Jana C. Mielke

Abteilungsleiterin PR / Medien

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